Der kritische Tag

Nachdem Stress und der Hektik der vergangenen Monate, hoffte ich hier meine innere Gelassenheit und Ruhe wieder zu finden. Ich war immer noch im Zwiespalt, ob ich in dem momentanen Ort des Rückzugs, für immer bleiben wollte oder ob es sich nur um eine Auszeit für einen gewissen Zeitraum handelt. Meine größten Zweifel hatte ich vor kurzem an einem Feiertag, urplötzlich und ohne erkennbaren Grund, von jetzt auf gleich und völlig unerwartet.

Ich wollte wieder zurück nach München, am besten sofort und selbst wenn ich diese 130 Km zu Fuß gehen musste, nur weg von hier! Ich fühlte mich eingesperrt, hatte Sehnsucht nach der Großstadt und empfand in diesem Moment alles als extrem deprimierend. Die Ruhe, die sanften Klänge der Natur, der behagliche Sonnenschein alles ging mir entsetzlich auf die Nerven, kurz gesagt, ich war absolut unglücklich in meinem selbstgewählten Domizil und fühlte mich wie in der Verbannung.

Kein Gedanke war mehr an „die Seele fliegen lassen“ oder mein „starkes Selbst“ vorhanden, meine Intuition war wie ausgelöscht, es war ein riesengroßer Schub einer Depression. Ich musste dringend mit jemandem sprechen und mein Leid klagen, deshalb rief ich meinen Bruder in München an. Er bekam dann einen 20 minütigen Redeschwall zu hören, in dem ich alles erwähnte was mich so runterzog. Die Berge, diese Idylle, diese ewige Ruhe und das immense Aufgebot von Insekten, mein täglicher Kampf gegen diese Invasion der Natur, und, und ,und. Ich lies kein sprichwörtliches „gutes Haar“ an diesem Ort.

Im Gespräch mit ihm, war ich aber auch so realistisch zu erkennen, dass eine Rückkehr in mein altes Leben keine befriedigende Lösung sei. Ich hatte doch keine Mühen und Kosten gescheut, das Hier erleben zu dürfen und jetzt aufgeben, das lag mir eigentlich nicht. In laut ausgesprochenen Gedanken wurden mir die Hindernisse bewusst, die mich von einer (wenigsten überstürzten) Rückkehr in die Großstadt abhielten. Ich hatte alle meine Arbeitsstellen in München aufgegeben, müsste weiter in der gemeinsamen Wohnung mit meinem Expartner wohnen (was kein Weltuntergang wäre) aber ich wäre auch keinen Schritt in meiner Selbstständigkeit oder Entwicklung weiter, also keine Option. Ich könnte mir auch keine vernünftige Wohnung in der Stadt mieten, denn alles was ich mir leisten kann ist umgangssprachlich ein „Wohnklo“. Mein Bruder meinte ich solle zu ihm ziehen oder mit ihm eine größere gemeinsame Wohnung mieten. Das wird für mich aber niemals in Frage kommen, da mein Bruder (ich mag ihn wirklich) nur jemanden benötigt der sich um ihn und die Wohnung kümmert. Meine spontane Antwort war deshalb auch sehr hart aber ehrlich:“ Ich werde nicht dein Pflegedienst werden“.

Ich war von Anfang an unentschlossen, ob ich für den Rest meiner Tage der Großstadt den Rücken kehre oder mich für die Hektik dort entscheide. An diesem Abend war mir klar, aufgeben gibt es nicht, zumindest nicht für mich. Ich werde bleiben, aber vielleicht nur diese eine Saison. Mein Mietvertrag ist nur befristet auf ein Jahr, genauso wie mein Arbeitsvertrag das bindet mich nicht auf irgendetwas festlegen zu müssen, dass ich im Grunde überhaupt nicht möchte.

Die kommenden Monate möchte ich mehr Harmonie, Ruhe, Gelassenheit und vor allem Selbsterkenntnis zulassen, sozusagen eine emotionale Entgiftungskur machen. Erkennen was ich wirklich will, was mich im Innersten glücklich und zufrieden macht, meinen Weg finden.

Am nächsten Tag war diese unglückliche Phase wieder vorbei, was aber blieb ist immer noch der Zweifel wie lange meine Reise hier dauern wird. Ich versuche die nächste Zeit mein Innerstes zu erkunden, mutig anzunehmen welchen Weg mein Leben geht, was für mich persönlich sehr schwierig wird, da ich generell immer vorausplane und meist auch noch „Plan C“ parat halte. Ich weiß das alles was für mich bestimmt ist zu mir kommen und mit mir den Weg teilen wird, aber ich kann mich nicht zurücklehnen und denken „Na mal schauen was so kommt“, das liegt nicht in meiner Natur.

Ich glaube, irgendwann stehe ich lächelnd auf meinem Lebensweg, schaue zurück und denke: „Damals da hinten, als ich dachte ich muss wieder umkehren und es geht nicht mehr weiter……..

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