Kein Mut zum Loslassen

Genau genommen wollte ich vor ein paar Tagen nur einen Knopf an einer Jacke wieder annähen, ich hatte ihn aber so deponiert das ich ihn auf Anhieb nicht fand. Ich bin nicht der Ordnungsspezialist der alles fein säuberlich beschriftet und wegräumt, aber ich weiß im Grunde fast immer wo ich hingreifen muss um das Benötigte zu finden. Im Fall des Knopfes aber nicht, Fazit, ich musste suchen. Ich habe verschiedene Schachteln in denen ich nach System (!) Sachen ablege, deshalb durchforstete ich eine nach der anderen.

Nach und nach tauchten immer mehr Andenken auf von denen ich mich nicht trennen mochte und bald hatte ich den Knopf vergessen. Ich saß am Boden und war in Gedanken weit in der Zeit zurück gereist, der Gegenwart entflohen. Alte Taschenkalender erinnerten mich an längst vergangene Termine und Menschen die mir einst wichtig waren, Muttertags-Geschenke meines Sohnes aus Zeiten als er gerade des Schreibens mächtig war, der erste Ring meines Expartners, alles das kam zum Vorschein. Ich konnte aber auch nicht aufhören weiter zu stöbern und hielt bald jahrzehntealte Geburtstagskarten in den Händen.

Je mehr ich wiederfand um so melancholischer wurde ich, aus Nostalgie oder das mir von einigen Menschen nur Geburtstagskarten und Briefe geblieben waren, vielleicht aus beiden Gründen ich weiß es nicht so genau. Als ich aufblickte saß ich in mitten einer Unmenge von Erinnerungen von denen ich mich nicht trennen konnte. Ich kann so persönliche Sachen nicht wegwerfen, Dinge die unwiederbringlich sind, es sind für mich Kostbarkeiten.

Ich möchte auch die Zeit nicht zurückdrehen um nochmals alles zu erleben, nein es ist schon gut wie es ist, aber ich kann auch nicht loslassen. Ich kann nicht Abschied nehmen, etwas für immer zu beenden fällt mir so unglaublich schwer, auch wenn es vielleicht nicht immer schön war. Ich bin selbst den Tränen nahe am letzten Tag eines katastrophalen Arbeitsverhältnisses, aber sich von etwas oder jemandem ohne ein Wiedersehen zu verabschieden heißt oftmals auch einen Abschnitt des Lebens zu beenden. Natürlich ist es wichtig und befreiend sich von Sachen und Menschen zu trennen um eine neue Lebensphase ohne Altlasten zu beginnen, aber ich kann es eigentlich nicht.

Als meine Mutter vor einem Jahr starb habe ich ihren Rat befolgt den sie mir einmal gab und so bald wie möglich ihre Sachen entsorgt, bis auf wenige Andenken. Heute würde ich es nicht mehr über mein Herz bringen auch nur einen Teil wegzugeben. Vielleicht klammere ich mich unbewusst an eine Zeit in der meine Welt ein bisschen unkomplizierter war, keine Ahnung. Ich habe schon seitenlange Berichte und Empfehlungen gelesen über die Kunst des Loslassens und wie man am besten damit beginnt, aber ganz ehrlich, ich fand keine passenden Ratschläge für mich. Es wird empfohlen auf einem Blatt Papier das Für und Wieder des Loslassens aufzuschreiben. Das Für ist ganz klar, mehr räumlichen Platz, abschließen mit der Vergangenheit und vielleicht der Seele die Möglichkeit des Durchatmens zu geben. Das Wieder ist für mich aber noch überwiegend, unwiederbringliche, liebgewonnene Erinnerungen in den Müll zu werfen, da führt im Moment kein Weg für mich hin.

Was mich zur Zeit am meisten bedrückt ist die Tatsache, das ich für meinen neuen Lebensabschnitt im April vieles nach und nach loslassen muss. Von liebgewonnenen Menschen und Gegenständen werde ich mich verabschieden müssen, dass ist ganz klar das ich diesen Schritt gehen muss, sonst kann ich nicht mit der Vergangenheit abschließen, nur wo soll ich anfangen? Vielleicht sind meine angehäuften Erinnerungen auch unbewusst verdrängte Sehnsüchte und Träume die ich horte, oder aber erfrorene Gefühle und Tränen die mich in der Vergangenheit festhalten.

Ich merke selbst wie ich den Zeitpunkt des Loslassens immer wieder hinausschiebe, nur um mich nicht festlegen zu müssen. Im Moment fehlt mir noch der Mut und die Kraft um diese Entscheidungen zu treffen, aber die Zeit zwingt mich dazu bald zu handeln. In sechs Wochen muss ich meine Koffer packen und in mein neues Leben aufbrechen und wenn möglich mit wenig Gepäck in den Händen und in meiner Seele.

Etwas im Leben hinter sich zu lassen bedeutet nicht das man es vergisst, sondern akzeptiert das es vorbei ist und weiterlebt, das ist mir auch bewusst. Ich hoffe ich habe bald die Stärke und Entschlossenheit mit dem Loslassen zu beginnen, die Zeit drängt.

Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück

Buddha

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